In jedem DREAM-Zentrum arbeiten neben den Ärzten und dem Pflegepersonal auch unterschiedlich große Gruppen von Männern und Frauen aus der jeweiligen Stadt, die eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg unseres Programms darstellen. Sie kamen mit unserem Programm in Kontakt und es hat ihr Leben verwandelt, sodass sie sich entschieden, sich für die Patienten einzusetzen, die sich in unseren Einrichtungen vorstellen. Die meisten von ihnen, aber nicht alle, sind selbst HIV-positiv. Sie sind unsere „Aktivisten“.
Es gibt diese Aktivisten, weil DREAM in den letzten Jahren zu einer neuartigen Antwort auf die Ausbreitung der AIDS-Epidemie in Afrika wurde. Denn wir orientierten uns nicht daran, was man mit einer etwa pessimistischen und resignierten Einstellung für möglich und realistischerweise machbar hielt, sondern wir dachten an die wahre Realität Afrikas und der Afrikaner, an ihre Bedürfnisse und ihre Energien, an das Leben, das in diesem Kontinent pulsiert, an die Menschen, die Männer, Frauen und Kinder, und fanden so Möglichkeiten, Leben zu verlängern, einen durchaus realistischen Weg, neue Energien der Hoffnung und des Engagements zu wecken. Für DREAM, das die Sichtweisen und Einschätzungen der Gemeinschaft Sant’Egidio wiederspiegeln will, war die Begegnung mit dem Problem AIDS nicht nur die direkte Konfrontation mit einer Notlage und einem Unrecht. Sie bedeutete vor allem die Begegnung mit Menschen, mit konkreten Personen. So drückten die Kranken freilich ihr Bedürfnis nach Genesung und Rettung aus, aber sie waren auch Personen, bei denen man den Wunsch nach einer wiedergeschenkten Zukunft erkennen konnte, das Streben nach der Fülle des Lebens. Jenseits ihrer Schwäche und der Schwierigkeiten des Alltags wurde so erkennbar, dass sie viele Chancen mitbrachten: den Wunsch nach mehr Engagement, die Hoffnung und die Bereitschaft, nicht nur für sich selbst zu kämpfen, sondern auch für einen ganzen Kontinent, dem viele Jahre und viele Leben geraubt wurden.
Dieses Bewusstsein, dass die Afrikaner unermessliche Möglichkeiten hatten, andere zu retten, wuchs mit der Zeit, als die ersten Patienten des Programms allmählich wieder zu Kräften kamen und begannen uns zu bitten, sich zusammen mit den europäischen und afrikanischen Mitarbeitern von DREAM dafür einsetzen zu können, dass die Behandlung, die sich endlich als möglich erwies, eine möglichst große Zahl anderer Männer und Frauen erreiche. So begannen wir, immer mehr Patienten, die an der antiretroviralen Therapie teilnahmen– zunächst nur einige Patienten der ersten Stunde, dann allmählich eine immer größere Zahl – in ein großes und umfassendes Programm für Aktivistinnen und Aktivisten einzubeziehen, die den Wunsch hatten, das Programm zu unterstützen und zu verbreiten. Diese Männer und Frauen, denen ein neues Leben geschenkt wurde, fühlten die Verpflichtung, ihrerseits ein Leben zu führen, in dem sie anderen etwas weitergaben und schenkten, ein Leben im Dienst an einer Bewegung der Hoffnung und der Wiedergeburt.
Diese Bewegung besteht an allen Orten, an denen DREAM anwesend ist. Besonders lebendig ist sie aber in Mosambik, in dem Land, in dem DREAM seine ersten Schritte ging. Hier entstand die Vereinigung der Aktivistinnen des Programms im Dezember 2003 unter dem Namen „Mulheres para o dream“, „Frauen für den Traum“. Nachdem sich auch Männer ihrer Arbeit anschlossen, gab es nun den Vorschlag, die Vereinigung in „Menschheit für den Traum“ umzubenennen. Diese Männer und Frauen, die träumen, sind nicht so sehr Ehrenamtliche im europäischen Sinne, sondern vielmehr regulär bezahlte Arbeitskräfte, die im Programm durch die Unterstützung und Beratung der Patienten eine unersetzliche Funktion erfüllen. Der Einsatz der Aktivisten ist eine weitere Etappe des Heilungsprozesses, dessen Bedeutung nicht geringer ist als die der eigentlichen Therapie.
Die Aktivistinnen und Aktivisten von DREAM verbreiten eine einfache, aber entscheidende Botschaft: “AIDS ist heilbar”. Die „Mulheres para o dream“ – es sind heute einige hundert in Mosambik – nehmen jeden in Empfang, der zum ersten Mal zum Programm kommt, ermutigen ihn, helfen ihm, Vertrauen zu haben und die antiretrovirale Therapie zu beginnen und fortzuführen oder die eigenen Kinder behandeln zu lassen. Manchmal kümmern sie sich selbst wie Mütter um Kinder, die zu unseren Zentren kommen und oft Waisen sind, und die von den Großeltern oder von den Nachbarn versorgt werden. Vor allem aber kämpfen sie gegen das Stigma und die Ausgrenzung, die mit der Krankheit einhergehen, indem sie mit ihren Worten und ihrem Leben bezeugen, dass AIDS kein Todesurteil ist, dass eine „Auferstehung“ möglich ist, dass die Tür zur Zukunft für das eigene Leben und das Leben der Familie noch geöffnet ist.
Oft sprechen sie ergriffen von ihrer persönlichen Geschichte des Leides und der Verlassenheit, die eine unerwartete Wende zum Guten fand, als sie dem Programm von Sant’Egidio begegneten. So können sie die Angst vor dem Stigma überwinden. Die Aktivisten haben mit der leiblichen Gesundheit auch ihre Würde und eine Rolle in der Gesellschaft wiedergefunden. Sie leugnen nicht mehr, eine Krankheit zu haben, die vor der Therapie ein doppeltes Todesurteil bedeutete, bei dem vor dem leiblichen der soziale Tod kam. Vielmehr werden sie durch ihre Krankheit zu den hartnäckigsten und überzeugendsten Verbündeten des Programms von DREAM zum Kampf gegen AIDS. Da man an ihrem Körper sehen kann, wie gut die antiretrovirale Therapie wirkt und da sie bereit sind, ihre Erfahrung mit anderen zu teilen, haben sie gewissermaßen eine ansteckende Wirkung im umgekehrten Sinn, denn sie verbreiten Hoffnung und Vertrauen auf die Behandlung.
Die Rolle der Aktivisten ist von außerordentlicher Wichtigkeit sowohl für den Erfolg von DREAM als auch für die gesellschaftliche Befreiung der traditionell untergeordneten afrikanischen Frau.
Die Aktivistinnen stellen für uns vor allem eine unermessliche und unersetzliche Hilfe dar, mit der wir ein neues Modell zur Behandlung von AIDS ins Leben rufen konnten, ein Modell, das mit der Zeit den Rahmen eines rein medizinischen Programm überschritten hat und zu einem umfassenden Ansatz geworden ist, der das ganze Leben des Kranken erfasst und für ihn (oder sie) eine hervorragende Behandlung zum Ziel hat.
Die Synergie in der Arbeit von DREAM-Aktivistinnen gemeinsam mit medizinischem Personal stellt eine der Charakteristiken des Programms dar, die dessen größere Effizienz garantiert. Die Aktivistinnen und Aktivisten von DREAM werden lange und sorgfältig ausgebildet und leisten dann einen unschätzbaren Dienst, indem sie die Patienten in einem Gespräch auf Augenhöhe über gesundheitlichen Fragen aufklären. Sie informieren nicht nur über den HIV-Virus, sondern sprechen auch über viele andere Aspekte des Lebens, etwa über Ernährung, wobei ein besonderer Augenmerk auf dem Abstillen der Säuglinge liegt, Haus- und Körperhygiene, Prävention von Infektionskrankheiten, etwa mit der Empfehlung Moskitonetze und Wasserfilter zu benutzen, und vieles anderes mehr.
Auch beschränkt sich ihre Arbeit nicht auf das DREAM-Zentrum. Die DREAM-Aktivistinnen sind oft unterwegs, um auf die sozialen Netze des eigenen Viertels oder Dorfes oder benachbarter Viertel oder Dörfer einzuwirken, wo man oft der AIDS-Epidemie gegenübersteht ohne zu wissen, dass es Behandlungsmöglichkeiten gibt. Sie wollen dort informieren und sensibilisieren, aber auch die Kranken stützen und ermutigen, die schon an der antiretroviralen Therapie teilnehmen, um ihnen menschliche und psychologische Hilfe anzubieten, und um die ordnungsgemäße Einnahme der Medikamente zu überwachen. All dies ist von grundlegender Bedeutung, wenn man die Quote des Therapieabbruchs reduzieren und einer unzureichenden Teilnahme am Programm entgegenwirken will.
Darüber hinaus ist aber die Vereinigung für viele Frauen, die ausgegrenzt und stigmatisiert waren, ein Weg geworden, der sie zurück ins Leben bringt und ihnen eine wirtschaftliche, kulturelle und soziale Würde zurückgibt: sie können wieder arbeiten, sie finden Sinn und Kraft in der Hilfe für die anderen, sie nehmen aktiv teil an der Weitergabe von Kenntnissen und Fertigkeiten, an einer Revolution in den Mentalitäten. Die Frau, die das Hauptopfer von AIDS ist (denn in allen afrikanischen Ländern ist die HIV-Infektionsrate bei den Frauen höher als bei den Männern), wird zur Vorkämpferin der Befreiung von der Krankheit, trägt aktiv zur Bewusstseinsbildung bei, sie wird zu einer Zeugin für ein gestiegenes Bewusstsein für das Recht auf Behandlung, sie wird somit zu einem Reichtum für das Land, in dem sie lebt.
Heute, da DREAM sich in einigen afrikanischen Ländern ausbreitet und verwurzelt, wird die Rolle der Aktivisten immer mehr zu einer öffentlichen Rolle: Sie sind eingeladen worden, in Fernsehdebatten oder bei Rundfunksendungen zu sprechen, sie haben den wichtigsten nationalen Zeitungen Interviews gegeben, sie sind gebeten worden, Unterricht zu halten oder vor stets großem Publikum zu sprechen. Bei diesen Gelegenheiten haben unsere Aktivisten die große Kraft der Veränderung gezeigt, die von der Wiedergeburt der Hoffnung in jedem Menschen freigesetzt wird, und sie haben den Weg für einen tiefgreifenden und radikalen Prozess der Bewusstseinsbildung bereitet. Viele haben diese Männer und Frauen, die oft wenig Schulbildung haben, mit Kraft, Überzeugung und Kompetenz sprechen gehört, und so sind ihnen endlich die Probleme bewusst geworden, die bis dahin eher ein Schattendasein in der öffentlichen Debatte geführt hatten und die sie selbst in den bequemen Winkel ihrer Resignation verbannt hatten. Das Zeugnis von der Heilung, die jemand am eigenen Leib erfahren hat, von der eigenen „Auferstehung“ erreicht einen immer größeren Kreis von Menschen und wird zum Sinnbild für eine umfassendere Heilung, für eine „kulturelle Revolution“, die den ganzen afrikanischen Kontinent erfassen soll .